Lavendel ist nicht gleich Lavendel

Lavendel ist nicht gleich Lavendel

Die Chemie hinter einem hochwertigen ätherischen Öl – und warum sie für die Aromatherapie entscheidend ist

Bei «Lavendel» denken die meisten an einen vertrauten Duft, blumig, weich, frisch und beruhigend. Was wir riechen, ist die Spitze eines viel grösseren Zusammenspiels, denn ein ätherisches Öl ist ein komplexes Gemisch aus vielen verschiedenen natürlichen Molekülen. Zwei Fläschchen können beide als «Lavendelöl» bezeichnet werden und sich trotzdem in chemischer Zusammensetzung, Duft und Qualität unterscheiden. Bei Casa Cafaro fragen wir deshalb bei jedem Öl, was darin steckt, auch wenn es tadellos nach Lavendel riecht.

Natürliche Chemie

Oft fällt bei ätherischen Ölen das Wort «natürlich», und manche verbinden damit etwas Chemiefreies. Auch die Natur ist voller Chemie. Die Lavendelpflanze bildet ihre Inhaltsstoffe ebenfalls über biochemische Prozesse, und daraus entsteht das Gemisch flüchtiger Moleküle, das wir später als ätherisches Öl gewinnen.

Bei Lavandula angustifolia gehören Linalool und Linalylacetat zu den charakteristischen Hauptbestandteilen. Linalool ist ein Monoterpenalkohol, der in zahlreichen Pflanzen vorkommt und wesentlich zu deren typischem Duft beiträgt. Linalylacetat zählt zu den Estern und prägt zusammen mit Linalool das weiche, blumige Duftprofil des echten Lavendels. Daneben enthält ein hochwertiges Lavendelöl zahlreiche weitere Bestandteile, etwa Lavandulol, Lavandulylacetat, Terpineole, Ocimene, 1,8-Cineol, Campher und verschiedene Sesquiterpene. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen entsprechend Unterschiede zwischen verschiedenen Lavendelölen.

Man könnte daraus schliessen, ein guter Lavendel müsse möglichst viel Linalool und möglichst viel Linalylacetat enthalten. Das wäre zu einfach. In einem Vielstoffgemisch beeinflussen sich die Bestandteile gegenseitig und bestimmen gemeinsam das chemische und aromatische Profil des Öls. Beurteilen lässt sich ein ätherisches Öl deshalb nur am gesamten Profil. Auch Übersichtsarbeiten zur Lavendel-Aromatherapie weisen auf die Bedeutung der Zusammensetzung hin, insbesondere auf das Verhältnis der Hauptbestandteile.

Echter Lavendel und Lavandin

Steht auf einem Produkt «Lavendelöl», muss man zuerst wissen, welche Pflanze gemeint ist, und diesen Unterschied kennen viele Verbraucher gar nicht. Lavandula angustifolia ist der sogenannte echte oder feine Lavendel. Das Lavandin, Lavandula × intermedia, ist eine natürliche Kreuzung aus Lavandula angustifolia und Lavandula latifolia und hat eigene Eigenschaften und ein eigenes chemisches Profil.

Lavandin liefert pro Anbaufläche deutlich mehr ätherisches Öl als echter Lavendel. Dieser höhere Ertrag macht es für die industrielle Produktion wirtschaftlich interessant und ist ein Grund, warum Lavandin häufig günstiger ist. Mit Qualität hat der Preisunterschied also wenig zu tun, Lavandin ist ein eigenständiger Rohstoff mit eigenem Wert. Problematisch wird es, wenn ein Produkt als Lavandula angustifolia verkauft wird und tatsächlich Lavandin oder andere Bestandteile enthält, denn dann stimmt das Etikett nicht mehr.

Für die Aromatherapie ist das entscheidend, weil wir dort mit Pflanzen und ihren chemischen Bestandteilen arbeiten. Linalool und Linalylacetat wurden in wissenschaftlichen Untersuchungen auf verschiedene neurobiologische Mechanismen hin untersucht. Zu Lavendelöl und seinen Hauptbestandteilen gibt es Forschung über mögliche Einflüsse auf neuronale Signalwege, darunter GABAerge Mechanismen und spannungsabhängige Calciumkanäle. Klinische und experimentelle Arbeiten beschäftigen sich mit möglichen Effekten von Lavendelöl auf Stress, Angst und das Nervensystem. Ein Heilversprechen lässt sich aus dieser Forschung nicht ableiten, und die Ergebnisse hängen unter anderem vom verwendeten Öl, seiner Zusammensetzung und der Art der Anwendung ab. Wer ein Öl mit veränderter Zusammensetzung verwendet, arbeitet deshalb womöglich mit einem anderen Rohstoff als dem, der in den Studien untersucht wurde.

Analyse, Verfälschung und Preis

Unsere Nase nimmt kleinste Unterschiede in Düften wahr. Ein Öl kann trotzdem intensiv nach Lavendel riechen und anders zusammengesetzt sein als erwartet. Eine der wichtigsten Methoden zur Untersuchung ätherischer Öle ist deshalb die GC/MS, die Gaschromatographie gekoppelt mit Massenspektrometrie. Vereinfacht gesagt trennt dieses Verfahren die flüchtigen Bestandteile eines Öls voneinander und identifiziert sie. So entsteht ein chemisches Profil, das man sich wie einen Fingerabdruck vorstellen kann. Daran lässt sich ablesen, welche Moleküle in welcher Grössenordnung vorhanden sind, ob das Profil zur angegebenen Pflanzenart passt und ob es ungewöhnliche Bestandteile oder Hinweise auf Verfälschung gibt. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich authentische Lavandula-angustifolia-Öle auf diesem Weg von Lavandin und von Produkten mit synthetischen Zusätzen unterscheiden lassen.

Verfälscht werden ätherische Öle auf verschiedene Arten. Man streckt einen hochwertigen Rohstoff mit anderen Substanzen, mischt einem als Lavandula angustifolia deklarierten Produkt günstigeres Lavandin bei oder setzt synthetische Einzelstoffe wie synthetisches Linalool oder Linalylacetat ein, um ein gewünschtes chemisches Profil oder einen bestimmten Duft zu erzeugen.

Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung analysierte 55 kommerzielle Lavendelöle mit GC-MS und GC-FID. Von den 51 Proben, die als Lavandula angustifolia gekennzeichnet waren, wurden 51 % als authentisch eingestuft. Bei den übrigen fanden die Forschenden unter anderem Lavandin, synthetische Zusätze oder Kombinationen daraus. Die Zahlen beziehen sich auf diese eine Stichprobe und zeigen, dass die Bezeichnung auf der Flasche allein Authentizität nicht belegt.

Wir würden nie behaupten, jedes günstige Öl sei schlecht oder jedes teure hochwertig. Der Preis eines Naturprodukts muss wirtschaftlich trotzdem irgendwo herkommen. Ein Rohstoff mit deutlich höherem landwirtschaftlichem Aufwand und deutlich niedrigerem Ölertrag kann kaum dieselbe Kostenstruktur haben wie einer mit sehr hohem Ertrag, und bei ungewöhnlich niedrigen Preisen lohnt sich die Frage, was eingekauft wurde. In der erwähnten Studie wurden übrigens auch teurere Produkte als auffällig eingestuft. Einen Qualitätsnachweis liefert deshalb erst die Analyse.

Wissenschaftliche Quellen

Marktintegrität des Lavendelöls: Eine umfassende Studie zur kommerziellen Lavandula angustifolia ätherischen Öle und Bewertung industrieller Standards – ScienceDirect

Lavandula × intermedia—A Bastard Lavender or a Plant of Many Values? Part I. Biology and Chemical Composition of Lavandin - PMC

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